Neun Thesen für eine wahrhaft zukunftstaugliche Medienpolitik

 

Neun Thesen für eine wahrhaft zukunftstaugliche Medienpolitik

Die epochalen Veränderungen in der Medienlandschaft erfordern weit tiefgreifendere Schritte, als sie derzeit in der eidgenössischen Politik verhandelt werden. Lobbying-getriebene palliative Massnahmen um althergebrachte Geschäftsmodelle zu schützen, genügen nicht: Es braucht eine eigentliche MedienWende*. Die folgenden Thesen sollen die Tragweite einer künftigen zukunftsfähigen Medienpolitik umreissen. Sie sind als Vorschläge und Anregungen zu verstehen und nicht als Forderungen irgendwelcher Art aufzufassen.

(Vorbemerkung: der Begriff Journalist bezeichnet hier diskriminierungsfrei Informationsarbeiter jeden Geschlechts, unabhängig der Körpergrösse, Haarfarbe, Herkunft oder jedwelcher anderer tatsächlich vorhandener oder imaginierter Merkmale.)

  1. Wir müssen als Gesellschaft eine neue Entwicklung in den Griff bekommen

Mit der Digitalisierung ist es so wie mit dem Aufkommen des Automobils vor gut hundert Jahren: Verglichen mit der heutigen Automobiltechnik waren die ersten Modelle von den damals bestehenden Vorstellungen inspiriert und kamen dementsprechend als motorisierte Kutschen daher. Diese waren der neuen Technik völlig unangemessen, was während der kommenden Jahrzehnte zu zahlreichen fatalen Unfällen führte. Seither wurden Autos sicherer (Knautschzonen, Airbags etc.), Strassen wurden gebaut und ausgebaut und Verkehrsregeln erlassen. So ist es für uns heute  selbstverständlich, dass ein Auto nur fahren darf, wer einen Führerschein erworben hat. Wie die Autos für die Menschen vor hundert Jahren, sind wir als Gesellschaft mit der Digitalisierung unvermittelt mit einer neuen Entwicklung konfrontiert worden, mit der wir uns nun auseinandersetzen und die wir in den Griff kriegen müssen. Die Pionierphase der letzten Jahre, in der alles erlaubt, was möglich war, wird abgelöst werden von gesellschaftlich vereinbarten Regeln, Kontrollen und gegebenenfalls Sanktionen. Gut möglich, dass ein Internetanschluss in 21. Jahrhundert so zum Gemeingut wird, wie es mit der Strassenerschliessung im 20. Jahrhundert war. Gut möglich, dass die übermässige Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche ebenso eingeschränkt wird wie der Alkoholkonsum durch Minderjährige. Und gleich wie Biobauern als Garanten für hochwertige Lebensmittel akzeptiert und gefragt sind, wird es die anerkannte Aufgabe von Journalisten sein, den Informationsfluss in der Gesellschaft so zu organisieren und mit hochwertigen Informationen zu versorgen, dass wir als demokratische Gesellschaft funktionieren können.



  1. Medienaufgaben werden künftig von unten nach oben angegangen, anstatt umgekehrt wie bisher

Seit vor neunzig Jahren die SRG durch den Bund ins Leben gerufen wurde, wird Medienpolitik hierzulande als Bundesaufgabe wahrgenommen, zumal die Zeitungsverlage bis vor kurzem jede staatliche Unterstützung so mieden wie der Teufel das Weihwasser. Was zur Verteilung knapper Frequenzen und was angesichts üppiger Ertragsströme in 20. Jahrhundert richtig war, taugt im 21. Jahrhundert nicht länger und kann deshalb nicht als Grundlage für eine künftige Medienpolitik dienen. Die Schrumpfredaktionen der ums Überleben kämpfenden Medienunternehmen werden auch mit staatlicher Hilfe kaum in der Lage sein, eine umfassend fundierte und attraktive journalistische Berichterstattung zu gewährleisten. Es wird Aufgabe jeder Gemeinde, jedes Kantons, jeder Region und jeder Organisation sein, eine angemessene, zeitgemässe und unabhängige journalistische Berichterstattung über Belange aus ihrem Gebiet zu ermöglichen und sicherzustellen. Nur so kann die weitgehend verloren gegangene journalistische Lokal- und Kulturberichterstattung neu aufgebaut werden. 



  1. Eine zuverlässige und umfassende journalistische Berichterstattung wird zur Staatsaufgabe und wird ergo aus den regulären Steuererträgen finanziert

Gleich wie die Landesverteidigung, das Gesundheitswesen, der Strassenbau und viele andere als Grundaufgaben des Staates anerkannte Tätigkeiten, wird künftig auch ein solider  Informationsfluss innerhalb der Gesellschaft als staatliche Aufgabe begriffen und entsprechend in der Verfassung verankert sein. Der Irrsinn, für Medienaufgaben eine unfaire und unsoziale Kopfsteuer zu erheben und aufwändig durch Dritte flächendeckend eintreiben zu lassen, wird somit ein Ende finden.



  1. Medienkommissionen sorgen für die nötige Kompetenz und Staatsferne

Gleichwohl darf es keine Staatsjounalisten geben! Auch wenn die öffentliche Hand eine journalistische Grundversorgung weitgehend finanziert, kann festgelegt werden, dass die Arbeit von Journalisten unabhängig und gemäss anerkannten Branchenstandards zu erfolgen hat. Deshalb ist es wichtig, diese Aufgaben möglichst fern der etablierten politischen Abläufe abzuwickeln. Dazu werden Medienkommissionen ins Leben gerufen, die vom jeweiligen Gemeinwesen ein verbindliches Budget erhalten und gemäss eigenen Vorgaben einsetzen.



  1. Geld vom Staat gibt es nur für überzeugende  Projektvorschläge oder für konkrete Leistungsaufträge

Geht es um eine regelmässige Berichterstattung oder um spezielle, umfassende Projekte, unterbreiten Journalisten der Medienkommission ihre Vorschläge für förderungswürdige Vorhaben, die von der Medienkommission begutachtet und ausgewählt werden. Ergänzend dazu kann die Medienkommission konkrete Leistungsaufträge ausschreiben. Die Medienkommission überwacht, wie gut die Aufträge erfüllt werden und ist erste Instanz für allfällige Beschwerden. 



  1. Der Absender übernimmt die Kosten für die tagesaktuelle journalistische Berichterstattung

Gibt es heute darum, der Öffentlichkeit Etwas mitzuteilen, wird damit ein Heer von Kommunikationsfachleuten beschäftigt, um Medienmitteilungen zu verfassen, die anschliessend von immer weniger Journalisten vom PR-Sprech in einen publikumsgängigen News-Sprech umformuliert werden. Das ist eine sinnlose Ressourcenverschwendung auf beiden Seiten. Künftig wird der Grundsatz gelten, dass wer als Behörde, Unternehmen oder Organisation Neuigkeiten mitzuteilen hat, direkt (mindestens) einen Journalisten mit einer unabhängigen und umfassenden multimedialen Berichterstattung beauftragt und ergo entschädigt. Solche Produktionen werden frei lizenziert (z.B. gem. creative commons) und können von allen Medien unentgeltlich weiter verbreitet werden.



  1. Es braucht einen neuen Journalismus

Journalisten werden nicht länger von den kommerziellen Engnissen der Verlage abhängig sein. Ebenso werden sie das Verständnis der Massenmedien aus dem 20. Jahrhundert ablegen. Dafür werden sie die neuen digitalen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts so  einsetzen, dass ihre Arbeit für die Gesellschaft möglichst nützlich ist und effizient verbreitet werden kann. Dazu gehört, dass in allen Mediengattungen berichtet wird. Informationen werden nicht nur für den Moment aufbereitet, sondern auch zur nachträglichen Orientierung. Im Sinne eines partizipativen Journalismus wird das Publikum einbezogen. Vor allem werden Journalisten als Branche kollaborativ zusammenarbeiten (gemäss dem im Buch dargestellten News-21-Modell), um sich gegenseitig zu unterstützen, aber auch um Qualitätsstandards zu gewährleisten. Um diese neuen Aufgaben zu übernehmen und um allenfalls nicht zielführende Recherchen zu ermöglichen, werden journalistische Arbeiten grundsätzlich mit einem entsprechenden Über-Honorar entschädigt.



  1. Sofern sie sich anpassen, haben Medienunternehmen gute Erfolgsaussichten und brauchen, anderes als Journalisten, keine staatliche Unterstützung.

Während der Staat einen soliden Journalismus fördern soll, brauchen Medienunternehmen keine staatliche Unterstützung. Zumal im Kommunikationszeitalter des 21. Jahrhunderts haben sie beste Aussichten auf erfolgreiche Geschäftsmöglichkeiten, sofern sie es schaffen, althergebrachte Geschäftsmodelle mindestens teilweise abzulegen. Sie werden die frei verfügbaren journalistischen Beiträge (weitgehend automatisiert und individualisiert) verbreiten und dabei Mehrwerte anbieten können. Nebst diesen Pflichtstoffen können sie sich weiterhin mit exklusiven journalistischen Kür-Produktionen profilieren. Vor allem werden sie ihre Fähigkeiten für Auftragsproduktionen in den Bereichen einsetzen, die von staatlicher mi Förderung ausgenommen sind, wie Sportanlässe, Kommerz-Kultur etc. Die SRG wird sich in dieser neuen Medienlandschaft zu einem “normalen” Medienunternehmen wandeln und sich um Leistungsaufträge bewerben. Dabei wird sie je nachdem mit anderen Medienunternehmen konkurrieren oder kooperieren. Gut möglich, dass sie dereinst als erfolgreiche Aktiengesellschaft zur Kapitalbeschaffung an die Börse geht. 



  1. Eine neue Werbung

Nicht nur der Journalismus, sondern auch die Werbebranche steht vor einer MedienWende. Anstatt wie im Zeitalter der Massenmedien Produkte und Dienstleistungen selbst bei den Konsumenten anzupreisen, die dafür kaum je in Frage kommen, werden künftig Konsumenten weit individueller angesprochen. Das setzt einen als vertrauenswürdig akzeptieren Umgang mit persönlichen Daten voraus.



* Vieles ist hier summarisch und entsprechend holzschnittartig dargestellt. Eine detaillierte Darstellung der vorgeschlagenen Konzepte und Ideen findet sich im Buch, samt einem Entwurf für einen neuen Medienartikel in der Bundesverfassung, damit so eine neue Medienpolitik konkret diskutiert werden kann.







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